Zeit und Ewigkeit - 128 Tage in St. Marienstern
Die Erste Sächsische Landesausstellung ist zu Gast in der Lausitz.
In Panschwitz-Kuckau feiert das Zisterzienserinnenkloster St. Marienstern
sein 750jähriges Jubiläum. Für 128 Tage öffnet das
Kloster seit einem dreiviertel Jahrtausend zum ersten Mal seine Klausur.
In diesem außergewöhnlichen Rahmen entfaltet sich das Panorama
einer reichen zentraleuropäischen Kunstlandschaft in voller Pracht.
Kostbarkeiten mittelalterlicher Kunst - die „Schönen Madonnen“,
wertvolle Gemälde und Skulpturen, erstklassige Goldschmiedearbeiten
und Textilien sowie leuchtend ausgemalte Handschriften aus dem Kloster
und aus ganz Sachsen - wurden für diese einmalige Schau in St. Marienstern
zusammengetragen. Sie sind eingebettet in einen Bilderbogen der Landesgeschichte,
der sich von den slawischen Anfängen im 7. Jahrhundert bis in die
Neuzeit spannt.
Bis 1635 war die Lausitz böhmisch. Die Spuren ihrer bewegten Geschichte
im Zentrum Europas sind bis heute allgegenwärtig. Entdecken Sie in
der Umgebung von Panschwitz-Kuckau vollkommen erhaltene mittelalterliche
Städte und malerische Dörfer. Erleben Sie die Faszination dieser
Landschaft, die zu einem längeren Aufenthalt einlädt.
Eine Landesausstellung - Vier Ausstellungen
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Stall: Slawen, Siedler, arme Seelen
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Klausur: Im Himmel zu Hause
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Eiskeller: Fisch, Zins und Aderlaß - Klosterwirtschaft, Klosterwissen
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Gästehaus: Vielfalt und Toleranz - Die Lausitz in der Neuzeit
Slawen, Siedler, arme Seelen
Sachsen im Jahre 929: Als der deutsche König Heinrich seinen Feldzug
gegen die slawischen Daleminzier führte, stieß er auf ein Volk,
das fremde Götter verehrte, das anders lebte und dessen Dörfer
anders aussahen, als er es aus seiner niedersächsischen Heimat kannte.
Die Siedlungen der Slawen sind heute gut erforscht. Von ihrer Religion
dagegen haben sich nur wenige Zeugnisse erhalten, wie etwa eine eindrucksvolle
doppelköpfige Götterfigur aus Neubrandenburg. Die deutschen Eroberer
öffneten das Land zwischen Saale und Neiße für Verkehr,
Handel und Kultureinflüsse aus dem Westen, und sie brachten einen
neuen Glauben. Die Burg Meißen, Sitz des Markgrafen und des Bischofs,
bildete den Ausgangspunkt für die Christianisierung des Landes. Erste
Gegenstände mit eindeutig christlichen Zeichen finden sich erst im
11. und frühen 12. Jahrhundert mit dem Machtausbau des Bischofs. In
der Grabausstattung Bischof Bennos (+ 1106) tritt uns erstmals ein Meißner
Bischof "leibhaftig" entgegen.
Am Ende des 11. Jahrhunderts erreichte der große europäische
Prozeß der Binnenkolonisation auch das Gebiet des heutigen Sachsen.
Siedler aus dem Westen drangen in bislang unerschlossene Wald- und Heidegebiete
vor. Sie brachten neue Siedlungsformen, Techniken des Hausbaus, eine fortgeschrittene
Alltagskultur und eine eigene Kunstauffassung (Madonna von Otzdorf, Tympanon
von Elstertrebnitz, Dreifußleuchter aus der Thomaskirche). In neuen
Dörfern entstanden neue Kirchen. Eine Welle der Urbanisierung ging
durchs Land. Mit der Gründung der Bergstadt Freiberg erreichte diese
Entwicklung einen Höhepunkt. Die Gründung von Klöstern begleitete
und krönte den Prozeß des Landesausbaus. Eine Oberschicht aus
einheimischem Adel baute hier ihre geistlichen und kulturellen Zentren.
Wie unter einem Brennglas läßt sich die historische Entwicklung
im Gebiet der westlichen Oberlausitz verfolgen. Die Herren von Kamenz,
eine Einwandererfamilie von der Saale, weiteten den alten slawischen Siedlungsraum
erheblich aus; sie legten Städte und neue Dörfer an. Einer von
ihnen, Bernhard III., der es zum Kanzler des schlesischen Herzogs, Berater
des böhmischen Königs und Bischof von Meißen brachte, gründete
kurz nach 1248 das Kloster St. Marienstern.
Etwa seit der Mitte des 12. Jahrhunderts war Sachsen vollständig
christianisiert. Seitdem bestimmten christliche Werte und Glaubensvorstellungen
das Denken und Handeln der Menschen. Die Kirche setzte Maßstäbe
für ein gutes Leben und gab der Zeit den Takt an. Die Kirchgemeinde
bildete das Grundelement des gesellschaftlichen Lebens.
In einer weitgehend schriftlosen Zeit waren die Kirchen und Klöster
lange Zeit die einzigen Stätten, an denen die Schriftkultur gepflegt
wurde – die Ausstellung gewährt Einblick in die Arbeit einer klösterlichen
Schreibstube. Ihre Bibliotheken speicherten, ihre Schulen vermittelten
das Wissen der Menschheit seit der Antike; der Bibliothekskatalog des Klosters
Pegau gibt davon beredte Kunde.
Die Sorge um das Seelenheil trieb die Menschen im Spätmittelalter
um. Bußübungen, fromme Stiftungen, Wallfahrten waren Massenphänomene.
Zeugnisse dieser religiösen Bewegung sind in der Ausstellung zu sehen:
von unscheinbaren Heiligen-figürchen aus Ton, in Serie produziert,
über Pilgerzeichen, Weihegaben und Ablaßbriefe bis zu kostbaren
Altarbildern, auf denen die Stifter sich verewigen ließen. Aus der
Frömmigkeit der Zeit erwuchs aber auch Kritik an der Kirche, am weltlichen
Treiben der Geistlichen, an der Geschäftemacherei des Ablaßhandels
und an den Auswüchsen des Heiligen- und Reliquienkultes. Hier führt
ein Weg geradewegs zu Luther. Mit ersten Bildern eines neuen, reformatorischen
Glaubensverständnisses schließt dieser Teil der Ausstellung.
Im Himmel zu Hause
Das Herzstück der Klosteranlage von St. Marienstern ist das innere
Geviert der Konventsbauten um den Kreuzgang - die Klausur. Hier, im sonst
verschlossenen Lebensbereich der Nonnen, in großartigen gotischen
Räumen, eröffnet sich dem Besucher ein Panorama sakraler Kunst
des Mittelalters. Das Schwergewicht liegt dabei auf der Zeit zwischen 1350
und 1450 - der Epoche der sogenannten "Internationalen Gotik" und des "Weichen
Stils", dem Jahrhundert der Parler. Die vielen jetzt erstmals gezeigten
Werke ermöglichen eine neue Sichtweise auf die Kunstgeschichte der
Oberlausitz und Sachsens. Ihre Bezüge zu Böhmen und Schlesien
werden deutlich - eine Kunstlandschaft im Zentrum Europas erhält eine
neue Kontur.
Erstrangige Exponate stellen die wichtigsten Themen mittelalterlichen
Glaubens vor, sie veranschaulichen die Gemeinschaft der Heiligen und deren
Geschichten. Maria und das Kind, die Passion Christi, Tod und Erlösung
sowie die Heiligen als Fürbitter und Nothelfer, als Vermittler zwischen
Himmel und Erde stehen im Vordergrund der Präsentation. Die Heilsgeschichte
in ihrer Bedeutung für den Lebensweg des mittelalterlichen Menschen
spiegelt sich in diesen Kunstwerken. Es sind Bilder der Andacht und Verehrung,
Zeugnisse einer fernen geistigen Welt. Die Innigkeit der "Schönen
Madonnen", der ergreifende Schmerz, der im Vesperbild von St. Marienstern
zum Ausdruck kommt, und der drastische Realismus des Mirakelmannes von
Döbeln, einer Christusfigur mit beweglichen Gliedern, haben nichts
von ihrer ursprünglichen Eindrücklichkeit verloren.
Ein Hauptteil der gezeigten Kunstwerke stammt aus dem Kloster und seiner
näheren Umgebung und wird ergänzt durch Leihgaben aus ganz Sachsen.
Dank der historischen Kontinuität des Mariensterner Konvents über
750 Jahre, blieb hier ein einzigartiger Schatz erhalten. Dazu gehören
nicht nur zahlreiche Holzskulpturen, sondern auch eine Fülle mittelalterlicher
Reliquiare - kostbare Gefässe aus Gold, Silber und Edelsteinen für
Reliquien der Heiligen - Knochen und Knöchelchen, Finger, Rippen,
Schädelstücke. Die wichtigsten Teile dieses Heiltums hatte bereits
der Klosterstifter Bernhard III. von Kamenz geschenkt. Die Reliquiare gehören
zum Besten, was in Mitteleuropa an Goldschmiedekunst des 13. bis 15. Jahrhunderts
erhalten geblieben ist. Sie sind nun erstmals vollständig zu sehen.
Textilien - die Mitra des Bischofs von Meißen, Messgewänder
aus dem Kloster und das berühmte gestickte Antependium von Pirna -
ermöglichen eine Vorstellung vom Glanz des mittelalterlichen Gottesdienstes.
Dazu gehört auch die Präsentation der liturgischen Bücher,
Handschriften mit einzigartigen Malereien in leuchtenden Farben. Eine Abteilung
der Ausstellung führt ein in die kirchliche Musik des Mittelalters.
Einblicke in den klösterlichen Alltag runden das Bild ab. Im Kapitelsaal,
dem Versammlungsort des Konventes, ist das Thema "Regel und Gemeinschaft"
dargestellt. Hier werden die Grundlagen des klösterlichen Zusammenlebens
und die Stationen einer Schwesternbiographie anhand von Zeugnis-sen aus
dem Mittelalter und der Neuzeit vorgestellt. Im barocken Refektorium steht
das Thema des hier eingenommenen gemeinsamen Mahles im Mittelpunkt.
Zum Abschluß lädt der Kreuzgarten, der offene Hof im Inneren
des Klosters, zum Verweilen ein.
Fisch, Zins und Aderlaß – Klosterwirtschaft, Klosterwissen
Im ehemaligen Eiskeller beim Klostergarten geben Bilder und Gegenstände
des Alltagslebens Einblicke in die "lebenspraktischen" Seiten des Klosterlebens.
Denn Klöster waren nicht nur Stätten der Besinnung und Stille.
Auf ihren Wirtschaftshöfen herrschte geschäftiges Treiben. Es
wurde gedroschen, gemahlen und geschlachtet, geschmiedet und gegossen,
geziegelt und gemauert, geschustert, gewebt und geböttchert, Fisch
gesalzen und Bier gebraut. Klöster trachteten nach Unabhängigkeit
von der Welt; ihre Wirtschaft zielte auf Selbstversorgung. Vor allem die
Zisterzienser waren darauf bedacht, den gesamten Bedarf der Mönche
oder Nonnen im Kloster selbst herzustellen. Überschüsse wurden
gewinnbringend verkauft, in Klosterhöfen, die in großen Handelsstädten
errichtet wurden, und auf den Märkten der Kleinstädte, in denen
das Kloster die Herrschaft innehatte.
Gegenüber dem traditionellen Mönchtum entwickelten die Zisterzienser
eine neue positive Einstellung zu körperlicher Arbeit und wirtschaftlicher
Initiative. Zisterziensische Laienmönche waren die Meister und Vorarbeiter
der klösterlichen Gewerbe. Wirtschaftliche Grundlage auch der Zisterzienserklöster
blieben freilich die Geld- und Naturalabgaben der Untertanen.
Das Kloster St. Marienstern gehörte bis ins 19. Jahrhundert zu
den größten Herrschaften der Oberlausitz. Die Äbtissin
herrschte als "Domina" über 60 Dörfer und zwei Städte. Marienstern
war nicht nur geistliches, sondern auch wirtschaftliches Zentrum des Landes
am Klosterwasser. Ländliches Handwerk siedelte sich rings um das Kloster
an. Produkte der Heidegewerbe aus dem Norden des Klosterlandes fanden hier
ihre Abnehmer. Der Konvent betrieb Ackerbau und Viehzucht, Fischzucht in
34 klostereigenen Teichen, pflanzte Hopfen, Kräuter, Tabak an und
braute Bier. Dem klösterlichen Gartenbau kam das Wissen der Nonnen
um die Heilkräfte der Natur zugute, eine lange Tradition klösterlicher
Heilkunde und Krankenfürsorge.
In dieser Abteilung wird der Besucher die Bekanntschaft mit einigen
Personen machen, die in früheren Jahrhunderten mit dem Kloster in
Verbindung standen: mit Martin Czesslawicz, einem Untertan des Klosters
aus Cannewitz, der 1374 säckeweise Getreideabgaben ins Kloster schleppte,
mit dem Bademeister Frenczil, der 1386 die klösterliche Badestube
betreute, mit dem Klostervogt Ambrosius, der 1458 von einem einstürzenden
Giebel erschlagen wurde, schließlich mit der kranken Äbtissin
Katharina Benada, der 1697 ein Dresdner Apotheker eine Hausapotheke zusammenstellte,
die mit allen Pulvern, Tinkturen und Rezepten noch erhalten ist.
Vielfalt und Toleranz - Die Lausitz in der Neuzeit
Die Ausstellung im barocken Gästehaus des Klosters, in Räumen,
wo früher der Klostervogt, der Bischof und hohe Gäste eingekehrt
waren, ermöglicht einen Blick in die jüngere Vergangenheit der
Lausitz. Dieses Land zwischen Sachsen, Böhmen und Schlesien hat eine
bewegte und farbige Geschichte. Seit Jahrhunderten leben hier Sorben und
Deutsche zusammen, zwei Sprachen und Kulturen. Verschiedene Konfessionen
bestehen hier nebeneinander - eine Vielfalt, die europäischen Modellcharakter
hat. Slawische und deutsche Siedler, die Könige von Böhmen und
die Kurfürsten von Sachsen, Martin Luther und Nikolaus von Zinzendorf,
der Barockdichter Christian Weise aus Zittau, Gotthold Ephraim Lessing
aus Kamenz und Johann Gottlieb Fichte aus Rammenau, Künstler aus Dresden
und Prag haben hier ebenso ihre Spuren hinterlassen wie die stattliche
Reihe der Äbtissinnen von St. Marienstern.
Schon im Mittelalter stellte die Lausitz einen Sonderfall dar. Sie gehörte
als Nebenland zur böhmischen Krone, konnte aber unter dieser Landesherrschaft
eine große Selbstständigkeit erreichen. 1346 schlossen sich
die wichtigsten Städte der Lausitz - Bautzen, Görlitz, Zittau,
Löbau, Kamenz und Lauban - zum Sechsstädtebund zusammen, einem
Rechtshilfeabkommen, das sich zu einer vorstaatlichen Gemeinschaft entwickelte.
Als Ständerepublik mit einer eigenen Ständeversammlung bewahrte
die Lausitz auch nach ihrem Übergang zu Sachsen 1635 einen wichtigen
Teil ihrer Autonomie bei.
Die staatsrechtliche Sonderstellung des Landes führte zu einem
einzigartigen System konfessioneller Toleranz. Anders als Sachsen, das
als Kernland der Reformation zu einer evangelischen Vormacht des Reiches
wurde, bildete sich in der Lausitz eine konfessionelle Pluralität
aus. Zwar hielt die neue Lehre auch hier in den Städten und den meisten
Dörfern bei Deutschen und Sorben Einzug, die Reformation wurde aber
nicht zentralistisch vom Landesherrn durchgesetzt. Die mittelalterlichen
Klöster und Stifter St. Marienstern, St. Marienthal, St. Petri in
Bautzen und Lauban konnten den alten Glauben bewahren. Beim Übergang
an Sachsen wurde an diesem Status quo festgehalten und das Land blieb weiterhin
für verschiedene Glaubensrichtungen offen, so für die böhmischen
Brüder, die im frühen 18. Jahrhundert in Herrnhut, Großhennersdorf,
Kleinwelka und Niesky ihre heute noch bestehenden Gemeinden gründeten.
Die Ausstellung im Gästehaus zeigt diese facettenreiche kulturelle
Vielfalt. Die neuen Glaubensbilder der Reformation sind in herausragenden
Kunstwerken von Lucas Cranach, Wolfgang Krodel und dem Lausitzer Maler
Andreas Dreßler präsent. Dazu gesellen sich reizvolle Zeugnisse
der Volksfrömmigkeit, welche bei den katholischen Sorben am Klosterwasser
bis heute lebendig ist, künstlerische Arbeiten der Nonnen von St.
Marienstern und anspruchsvolle Kunstwerke, die im Auftrag des evangelischen
Bürgertums in den Lausitzer Städten geschaffen wurden.