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in unser Heimat

(von Oberlehrer Melzer, Panschwitz 1928)
Vor langen Zeiten haben sich die Sorben in der Lausitz angesiedelt.
Darauf deuten schon die vielen slawischen Orts- und Flurnamen hin,
die sich trotz der starken Vermischung mit den Deutschen bis heutigentags
erhalten haben. Die Wenden haben in ihrer Lebensweise, in ihren
Gewohnheiten, Sitten und Trachten manches Eigentümliche
beibehalten, was sie von den Bewohnern deutschen Stammes unterscheidet.
Leider verliert sich das mehr und mehr. Das Streben unserer Zeit,
nach Möglichkeit alles gleich zu machen, hat auch hier seinen
Einfluss geltend gemacht. Dennoch wird noch in manchen Gegenden
an alter Vätersitte festgehalten. Einer der schönsten
Bräuche bei den Sorben ist
1. Das Osterreiten
In langen Prozessionen ziehen die Wallfahrer zu Ross von einem Parochialdorf
zum anderen. Wie Hochzeiter sind sie gekleidet: hoher Zylinder,
weiße Handschuhe und schwarzer Rock. Pferde von schwerem Schlag,
die noch gestern vor Pflug und Wagen gingen, sind festlich
geschmückt und ihrer Würde sich bewusst. Tage zuvor flechten
Knechte Mähnenhaar und Schweif mit Strohgebind in feste Zöpfe.
Am Ostermorgen werden die Strähnen gelöst und das Haar
durchgebürstet, die Pferde sorgfältig geputzt und gestriegelt.
Der Schweif wellt lockig. Überdies ziert ein Seidenband,
zumeist ein Geschenk der Hausfrau oder einer anderen lieben Seele.
Es prangt in verschiedenen Farben, zumeist rot oder bunt, wenn aber
ein teures Familienmitglied gestorben ist, grün, schwarz
oder blau als Zeichen der Trauer. An seinem Ehrentage wird das Pferd
mit Blumen und Bändern geschmückt. Sättel und Gurte,
Zäume und Schabracken sind mit allerlei messingenem, silbernem
und goldenem Schmuck geziert. Stolz schreiten die Pferde einher.
Noch stolzer tragen sie den gestriegelten Krauskopf. Feurig blasen
sie die Nüstern auf und kauen beständig an Trense und
Kandare, so dass es schäumt. Ab und zu ein freudiges Gewieher.
Die Augen flammen auf.
Auch der Reiter sitzt in fester Haltung, sich dessen bewusst, dass
man ihn bewundert. Es sind zumeist Gutsbesitzer oder deren Söhne
und Gesinde. Sie sitzen auf kirschroten oder himmelblauen Schabracken,
in deren Ecken silberne Sterne oder die Anfangsbuchstaben des Besitzers,
oft auch ein fahnentragendes Lamm, eingestickt sind. Und die zahllosen
Zuschauer besprechen eifrig diejenigen Gruppen und Reiter,
die die eindrucksvollsten sind und deren Pferde den schönsten
und prächtigsten Schmuck tragen. Die Spitze der Reiterprozession
führt breitgesäumte, buntgestickte Kirchenfahnen. Die
folgenden Reiter tragen das Kruzifix und die Statue des auferstandenen
Heilandes. Der Vorsänger singt mit weithin schallender Stimme:
„Stanyl je horje Jezus Khryst, alleluja!“ - „Christ ist auferstanden!“
Alsbald fallen die anderen ein. Die Lust ist erfüllt von Chorgesang
und Glockenklang.
Es ist nicht verwunderlich, dass der Bauer bei diesem Bittgange
sich des Pferdes als des allerbesten Gefährten bei der Feld-
und Ackerarbeit bedient, das ihm beim Säen und Ernten so große
Dienste leistet und auch sonst sein gehorsamster Helfer und treuestes
Haustier ist. Auch bei den alten Germanen stand das Pferd in hohem
Ansehen. Die Zeit der beginnenden Feldfruchtarbeit wurde mit
Pferdekult und sakralen Ritten eingeleitet. Mit dem heiligen Georg
wurde er gleichsam patronisiert. Erhebend ist der Eindruck der prächtigen
Reiterschar mit fliegenden Fahnen und dem uralten Ostersang. Ob
dieser schöne Brauch ein Auswuchs altheidnischen Kultes, dem
die christlichen Glaubensboten einen kirchlichen Anstrich gaben,
oder ein Überbleibsel aus den Kreuzzügen ist, darüber
ist nichts Sicheres bekannt. Wahrscheinlich wird er aber erst nach
diesen entstanden sein. Seinen Ursprung wird er wohl in den Streben
haben, Gott auch draußen in der Natur zu preisen. Darum liegt
in diesem altehrwürdigen Brauch ein tiefer Sinn. Wo der
Bauer und Ackersmann von Gott das ganze Jahr hindurch Segen empfängt,
auf seinen Feldern und Fluren, dort will er ihm besonders danken
und ihn vertrauensvoll um neuen Segen bitten.
2. Das Osterwasser
Noch steckt die Königin des Tages weit hinter den Bergen. Da
Schleichen schon Burschen und Mädchen zum Bach, Fluss oder
Teich, um in aller Stille Wasser zu schöpfen. Lautlos muss
das hergehen, sonst verliert es seine „Wunderkraft“. Wer es trinkt
bleibt gesund, und wer sich mit ihm wäscht, wird schöner
mit jedem Tag. Solches Wasser, glaubt das Volk, verdirbt nicht,
sondern bleibt immer frisch. wenn die Burschen nach Hause kommen,
schleichen sie sich in die Kammern der noch schlafenden Kameraden.
Den einen besprengen sie mit sanfter Hand, dem anderen gießen
sie gleich den ganzen Krug ins Gesicht, so dass er erschrickt und
die Augen weit aufreißt, nicht wissend, was ihm geschah, bis
er gewahr wird, dass er überreichlich mit Osterwasser
besprengt ist. So wird mancherlei Allotria getrieben. Insbesondere
versucht man durch allerlei Ränke, die Wasserholenden zum Reden
zu bringen.
Diese Sitte stammt aus den ersten christlichen Zeiten. Damals ließen
sich viele in der Osternacht taufen, und das Wasser, welches das
ganze Jahr hindurch zum Taufen benutzt wurde, wurde größtenteils
in dieser Nacht herbeigeschafft und geweiht.
3. Von Ostereiern
In vielen Häusern werden am Ostersonntag Soleier gekocht und
gegessen; sie sind wunderschön gefärbt, rot oder gelb,
vielfach auch buntbemalt und mit verschiedenen Sprüchen versehen.
Die Paten schenken sie oft ihren Patenkindern. In der Fastenzeit
war es früher verboten, Fleisch und Eier zu essen. War die
Faste nun vorbei, durfte man eine kräftigere Speise zu sich
nehmen und griff zu den Eiern. Die Sitte lässt sich bis ins
Heidentum verfolgen. In christlicher Zeit wurde das Ei, das ursprüngliche
Symbol des schlummernden Naturlebens, das Bild der Auferstehung.
4. Wenn die Sorben Hochzeit feiern
Bei einer sorbischen Hochzeit geht es vielfach hoch her. Manchmal
sind mehrere Hundert Gäste geladen. Aber es ist keine Kleinigkeit,
sie alle gut zu bewirten. Die meiste Arbeit hat dabei der Hochzeitsbitter
(Braschka). Er ist der erfahrene wirtschaftliche Berater, mit
dem alles besprochen wird: die Zahl der einzuladenden Gäste,
die ganze Anordnung des Festes, wieviel zu schlachten und zu backen
ist. Den Auftakt zum Feste bilden die „Butterbüchsen“, die
die Besitzer am Sonntag vorher unter Glückwünschen durch
Angehörige oder Dienstboten als Geschenk in reizend geschmückten
Formen senden und die auf dem Brauttisch zur Schau gestellt werden.
Reichlich werden die Überbringer bewirtet. Ein Tanz im Kretscham
beendet diese Vorfeier. Das kirchliche Aufgebot erfolgt den Gesetzen
gemäß an drei aufeinander folgenden Sonntagen. Zur
Trauung selbst fährt das Brautpaar gesondert, jedes mit
seinem Ehrengeleit. In der elegantesten Kutsche, von den prächtigsten
Pferden gezogen, die sauber geschniegelt und gestriegelt sowie mit
bunten Sträußchen am Kopfe geschmückt sind,
geht es in die Kirche. Am Portal warten Braut und Bräutigam
aufeinander zur festgesetzten Zeit. Paarweise tritt der Brautzug
in die Kirche ein, voran der Braschka, hinter ihm das Brautpaar
und die Brautjungfern. Ein malerisches Bild! Die dralle Braut trägt
die Borta, eine hohe, zuckerhutförmige Mütze von schwarzem
Samt. Nur der ehrbaren Jungfrau kommt sie zu. Die obere Kante umschließt
ein Myrtenkranz. Dicht darunter sitzt ein Reif von kleinen goldenen
Münzen und zwölf Sternchen. Grüne und weiße
Bänder aus Seide wallen vom Hinterkopf herab. Ein paar Schnuren,
oftmals alte Familienstücke, von goldenen und silbernen Schaumünzen,
zuweilen Geldstücke von hohem Alterswert, zieren die Brust.
Darüber legt sich ein Netz prachtvoller Perlen, zugleich
den Hals umschließend. Den Busen verhüllt ein weißseidenes
gesticktes Tuch. Welch hohen Wert stellt schon dieser Schmuck dar!
Ähnlich geschmückt sind die Brautjungfern, aber ohne diesen
Kopfputz. Der Bräutigam, der Hochzeitsbitter und die beiden
Brautführer tragen ihren gewöhnlichen Sonntagsstaat.
Nach der Trauung schreiten Braut und Bräutigam nebeneinanderher
zur Kutsche. Die Fahrt nach dem Hochzeitshaus geht nicht ganz ohne
„Hindernisse“ vonstatten. Schon ehe der fahrende Hochzeitszug das
Kirchdorf verlässt, muss der Bräutigam tief in die Tasche
greifen, um sich die Ausfahrt gleichsam zu erkaufen. Straffgespannte
Bänder, sogar Seile versperren den Weg, und erst durch klingende
Münze wird er frei.
Das Hochzeitsmahl beginnt. Dem Brautpaar, seinem Hofstaat und den
nächsten Blutsverwandten wird ein besonderer Tisch eingeräumt.
Der Hochzeitsvater und der Braschka bewillkommen die Gäste.
Nach kurzem Gebet geht es an das Mahl. Dem sorbischen Hochzeitsgericht,
Rindfleisch mit Meerrettich, wird wacker zugesprochen. Das eigentliche
Nationalgericht - Schweinefleisch mit schwarzer, aus Blut gekochter
Tunke - erscheint immer seltener auf hochzeitlichen Tafeln, vielleicht
nur noch in der preußischen Lausitz. Bald steht dampfender
Kalbs- und Schweinebraten auf den Tisch, dazu Kartoffeln und Rotkraut.
Während des Mahles herrscht ungetrübte Festfreude.
Die Musik spielt auf. Es ertönt so manches Lied; denn die Sorben
sind sangesfroh. Nach der Mahlzeit geht es zum Tanz. Die jungen
Burschen bemächtigen sich der schmucken Brautjungfern (Druschken),
die in ihrer vielfarbigen Festtracht einen reizenden Anblick gewähren.
Nach einigen Tänzen verlässt die Braut mit ihrem Gefolge
den Saal. Nun gehen sie und die Gäste zur „Kaffeevisite“ im
Orte. Denn so eine große Hochzeit ist zugleich ein Volksfest,
an dem das ganze Dorf teilnimmt. Danach huldigt man weiter dem Tanz,
der auf dem Heuboden oder im Kretscham abgehalten wird. Kurz vor
12 Uhr geht die Braut ins Hochzeitshaus zurück. Nun wird ihr
die Borta abgenommen und eine kostbare Spitzenhaube aufgesetzt.
Jetzt ist sie „junge Frau“ und erscheint abermals auf dem Tanzsaal.
Nach einigen Rundtänzen wird nun auch der Bräutigam von
einem der Brautführer zum Tanz aufgerufen, von dem er bis dahin
ausgeschlossen war, während die Braut soviel tanzen durfte,
wie es ihr beliebte. An ihrem Ehrentage erfreut sie sich überall
einer besonderen Aufmerksamkeit. Die Jugend huldigt den Tanz
bis tief in die Nacht hinein, oft bis in die frühen Morgenstunden.
Währenddessen haben schon eine große Anzahl Hochzeiter
den Heimweg angetreten, nachdem sie dem Hochzeitsvater das übliche
Geldgeschenk in die Hand gedrückt haben. Tags darauf ist
die „Heimfuhre“. Nach dem Aussegnen aus dem hochzeitlichen
Hause durch den Braschka ist alles zur Abfahrt bereit. Wie im Triumphzug
geht es der neuen Heimat zu, wo die junge Hausfrau von den Schwiegereltern
aufs herzlichste empfangen wird. alt und jung erfreut sich abermals
bei Schmaus und Tanz. Damit erreicht die sorbische Hochzeit ihr
Ende, die des Volkstümlichen und Eigenartigen genug an sich
hat, ein lieber alter Brauch, der behütet und erhalten werden
möchte.
5. Die Tracht
Bei den Männern ist die sorbische Tracht schon längst
verschwunden. Nur in der preußischen Heide sieht man noch
spärliche Überreste. Anders bei den Frauen und Mädchen.
Da müsste man eigentlich den Pinsel zu Hilfe nehmen. Die Feder
trifft nicht die Buntfarbigkeit ihrer Trachten. Wer könnte
sie auch alle beschreiben! In Preußen sind sie in jedem Kirchspiel
anders, fast in jedem Dorf. Insbesondere bei Hochzeiten kommt ihre
Vielgestaltigkeit und ihre Farbenpracht zur Geltung. Man muß
nur eine im Spreewald, in der preußischen oder sächsischen
Oberlausitz gesehen haben. Da sind die jungen Mädchen vom Schuh
bis über die Hüften in ein weitbauschiges Bunt gehüllt,
von dem der Laie nicht recht weiß, ob es Rock oder Schürze
ist. Aus dem schwarzen, vorn mit grellfarbigen Schnüren gehaltenen
Mieder kommt ein blütenweißes Spitzenblüschen
hervor, das von seidenem, besticktem, im Dreieck bis tief in den
Rücken fallenden Tuch bedeckt ist. Die weite, steife Radhaube
aus breitem, schwerem Taftband, das hinten bis auf den Rock niederhängt,
bildet den Kopfputz. Wie schmuck sehen die Ehrenjungfrauen aus!
Schneeweiß die ganzschließende Schürze, ebenso
die Bluse über dem Mieder. Über der Brust liegen Spitzentücher
und darüber hängen Schnuren mit klingenden Gold- und Silbermünzen.
Über die Schürze hängt ein breitbesticktes Band bis
zu den Füßen herab. So gehen sie zur Hochzeit, so zum
Kindtaufsschmaus. Uns gar erst die sorbischen Bräute! Wie verschiedenartig
in den einzelnen Gegenden. Unter der Kopfhaube lugen seitlich weiße
Spitzen hervor, ein Zeichen bei den katholischen Sorben, dass die
Frau verheiratet ist. Unter dem Kinn ist eine Schleife in den verschiedensten
Farben befestigt. Die Oberhaube ist von einem breiten, schwarzen
Bande umgeben, im Nacken zu einer Schleife zusammengebunden, und
die Zipfel fallen weit über den halben Rücken herunter.
Der Brustlatz, der aus einem viereckigen, mit buntem Samt oder falschen
Brokat überzogenen Stück Pappe besteht, bedeckt den Busen.
Zum zweiten Oberrock und zur Schürze wird viel Stoff gebraucht.
Bei feierlichen Gelegenheiten wallt ein schwarzer Tuchrock bis zur
Erde herab. Zuweilen lugt unter ihm der bunte Unterrock aus
grünem, rotem oder grauem Fries hervor. Die Festtagskleidung
ist bei den evangelischen Sorben buntfarbiger und vielgestaltiger
als bei den katholischen.

(von Jan Meschgang, Cannewitz, Dezember 1955 Kamenzer Kulturspiegel)
Weihnachten ist unser schönstes Fest. Wer denkt da nicht an
seine eigene Kinderzeit mit dem glitzernden Christbaum und
den bunten Geschenken unter ihm?
Aber es war nicht immer so! Der Weihnachtsbaum ist in der Lausitz
sehr jung. Hören wir uns seine Geschichte an.
Anfangs wurde Weihnachten als Geburtsfest Christi am 06. Januar
begangen. Seit dem Jahre 354 wird es am 25. Dezember gefeiert. Auf
diesen Tag wurde es im alten Rom vor allem deshalb gelegt, um den
Geburtstag des unbesiegbaren Sonnengottes, den die heidnischen
Römer anlässlich der Wintersonnenwende feierten, durch
ein christliches Fest zu ersetzen.
Für das Verständnis der heutigen Weihnachtsbräuche
ist der Umstand wichtig, dass die christliche Kirche den Geburtstag
Christi nun auch zum Beginn des Kirchenjahres machte und dass
durch die kaiserliche Kanzlei Karls des Großen Weihnachten
in fast ganz Europa auch zum bürgerlichen Jahresbeginn wurde.
Mit der Reformation kehrte man an vielen Orten zum 1. Januar als
Jahresanfang zurück. Erst 1691 bestimmte Papst Innocenz
XII. den 1. Januar als Neujahrstag. So hatte sich der größte
Teil Europas durch fast tausend Jahre an das alte Jahr gewöhnt.
Darum zog das Weihnachtsfest als Jahresanfang viele Kalenderbräuche
des römischen Neujahrsfestes an sich und entwickelte auch
neue und ähnliche. Jedes Volk hat die aus dem Altertum oder
von Nachbarvölkern übernommenen Bräuche mit seiner
Eigenart durchdrängt und verarbeitet. Auch nach der Rückverlegung
des Jahresanfangs auf den 01. Januar blieben die meisten Neujahrsbräuche
an Weihnachten haften oder schwanken innerhalb der Adventszeit und
der zwölf Nächte. Dort kamen diese wundervollen Weihnachtsbräuche
zustande, die trotz der gemeinsamen Grundlage bei jedem Volke eine
andere Färbung aufweisen.
St. Andreastag, am 30. November
Früher wurden schon am Anfang des Advents, am St. Andreastag,
mancherlei Bräuche geübt, die den Blick in die Zukunft
gewähren sollten. Durch Schuhwerfen, Baum- und Zaunschütteln,
Scheiteziehen, Klopfen an den Hühnerstall und das Horchen auf
Geräusche, die man von einem Kreuzwege aus hörte, wollten
die heiratslustigen Mädchen von ihren Liebsten erfahren.
Heute geschieht noch bei uns in der Lausitz das Abschneiden von
Zweigen, die zu Weihnachten blühen und so auf Liebes- und Eheglück
hindeuten sollen, am St. Andreastage.
Die Adventszeit
Am St. Nikolaustage, dem 06. Dezember, stellen die Stadtkinder
Schuhe vor die Tür und bekommen sie mit Süßigkeiten
gefüllt. Die sorbischen Kinder gehen von Haus zu Haus und fragen:
„Njej tu swjaty Miklaws byl, njej tu nico wostajil?“ (Ist St. Nikolaus
nicht dagewesen? Hat er nichts dagelassen?)
In Cannewitz, Ostro und Panschwitz-Kuckau ziehen die Kinder schon
am St. Martinstage Gaben heischend durchs Dorf und bekommen
Äpfel, Plätzel und Pfefferkuchen.
In der Oberlausitz geht heute in der Adventszeit ein als Christkind
(boze dzeco) verkleidetes Mädchen mit dem Knecht Ruprecht (rumpodich)
durch die Häuser, beschenkt aus einem weißen Beutel
die braven Kinder mit Äpfeln und Nüssen und der Knecht
Ruprecht bestraft mit der Rute die Schlimmen. Die Kinder müssen
dabei singen oder beten. Schon vor 200 Jahren wird diese Sitte
von Jan Hortzschansky bei den Sorben bezeugt. Der Ruprecht zieht
einen umgewendeten Pelz und große Stiefel an. Vors Gesicht
bindet er sich eine bärtige Maske und bedeckt den Kopf mit
seiner Pelzmütze. Um den Leib knüpft er sich eine Kette
oder ein Strohseil. Er trägt einen Sack mit Äpfeln und
Nüssen und eine große Rute. Das Christkind trägt
ein weißes Nachthemd und verschleiert sich das Gesicht. In
den Händen hält es einen weißen Beutel und ein Glöckchen.
Die Rute des Ruprecht war zunächst kein Züchtungsmittel,
sondern eine Lebensrute wie das alte „Lebensreis“ und wurde erst
später unter dem Einflusse der alten Pä-dagogik zu einer
handgreiflichen Ermahnung zum Artigsein.
Aus den Frühzeiten des Menschengeschlechts stammt der Glaube
an Baum, Laub und Ast als Lebensquelle und Lebensbewahrer. Berührung
und Schlag mit der grünen Gerte, der „Lebensrute“, übertragen
die Keimkräfte, verbürgen die Gesundheit, fördern
das Wachstum von Mensch, Vieh und Frucht. Auf den bronzezeitlichen
schwedischen Felszeichnungen trägt der Pflüger einen „Maien“,
und in den Klösterdörfern stellt heute noch der Bauer
eine geweihten Palmenweidenzweig auf seine Felder.
Das Weihnachtsfest
Die überragende Bedeutung des Weihnachtsfestes spricht schon
aus dem deutschen und dem sorbischen Namen. Weihnacht ist die
heilige Nacht, sorbisch hody, das heißt „die Zeit“. Der Weihnachtsabend
heißt sorbisch patorzica. Wahrscheinlich bedeutet es Hirtenabend.
Es war auch ein Ehrenabend für die Dorfhirten. Sie durften
Kuchen singen gehen wie zur Kirmes.
Bei den Sorben gab es zur patorzica früher neunerlei Gerichte
oder wenigstens Zutaten. Der Kamenzer sorbische Prediger M.
Conrad berichtet uns 1782 in den Görlitzer „Provinzialblättern“:
„Am Tage vor dem heiligen Weihnachtsfeste warten sie mit dem Essen
bis auf den Abend und genießen alsdann neun Gerichte, als
Erbsen, Heringe, abgetrocknete Pilze, Erdbirnen, Obst und Zugemüse.“
Von den Erbsen warfen sie noch um die Jahrhundertwende einen Löffel
voll in die Stubenecke. Das war eine Opfergabe für die Hausgeister.
Diesen Sinn hatte schon vor 300 Jahren der erste sorbische Volkskundler
Abraham Frenzel aus Großpostwitz erkannt: „Sorben und auch
einige Deutsche haben an dem Christabend die Gewohnheit, dass
sie etliche hartgekochte Erbsen mit den Händen in alle vier
Winkel der Stube werfen und geben vor, dass ihnen davor das neue
Jahr über alles vollauf in der Nahrung sein werde.“
1782 berichtet Jan Hortzschansky in seiner Abhandlung „Von den
Sitten und Gebräuchen der heutigen Wenden“: „Am heiligen
Abend vor dem Weihnachtsfeste legen einige Stroh unter den
Tisch, wenn sie essen. Davon knüpfen sie Seile und binden
solche um fruchttragende Bäume, damit das Obst besser gerate.“
Der Christbaum
Vor hundert Jahren erschien auf dem Lausitzer Weihnachtstisch die
grüne Fichte. Jan A. Smoler schreibt 1841 in seinem „Volksliedern
der Wenden“: „In der Christnacht wird auch bei den Sorben für
die Kinder ein Christbaum angeputzt und mit Äpfeln, Nüssen
und Pfefferkuchen behangen, sie auch außerdem mit kleinen
Geschenken bedacht, von denen ihnen gesagt wird, das Gotteskind
habe sie gebracht (boze dzeco je wobradzalo).“ Dabei reitet das
Christkind auf einem Schimmel und artige Kinder legen ihm am Abend
Heu vor das Hoftor.
In seiner heutigen Gestalt ist der Christbaum jung, aber seine
Elemente sind alt: Blattgrün, brennende Lichter und Äpfel
gehören zum Bestand der antiken Kalenderfeier. Den ersten
Beleg über den Weihnachtsbaum haben wir aus Straßburg
im Jahre 1605, aber er hatte noch keine Lichter und bildete nicht
den Mittelpunkt der Bescherung. Als solchen finden wir ihn zum ersten
Male in Sachsen, und zwar 1737 in Zittau. Hier wurde damals jedem
Familiengliede ein mit Lichtern geschmücktes Christbäumchen
aufgestellt. Doch dieses zeitliche Ereignis blieb ein vereinzelter
Stadtbrauch und verbreitete sich nicht einmal im Zittauer Kreis.
Durch viele Nachfragen wurde festgestellt, dass man im Landkreis
Zittau 1870 noch keine Weihnachtsbäume hatte, aber dass
10 Jahre später die dortigen Heimweber sie schon kannten.
Das wichtigste Merkmal des Christbaums sind die Kerzen. Aber in
alter Zeit waren sie sehr teuer. Sie wurden aus Bienenwachs hergestellt.
Solche Wachskerzen konnten sich die Fronbauern, Hof- und Heimarbeiter
nicht leisten. Sie beleuchteten ihre Stuben mit Kienspänen,
Talg- und Oellichteln, bevor sie das Petroleum kannten. Darum hielten
sie viel länger an der Christpyramide fest, die neben dem Christbaum
entstanden war, weil sie sie auch mit ihren primitiven Lichteln
beleuchten konnten. Erst als die Wissenschaftler das Stearin und
Paraffin erfanden, konnte sich das Volk diese Kerze eher kaufen,
weil sie billiger waren, und es übernahm dadurch auch den ehemals
bürgerlichen Lichterbaum. So können wir im allgemeinen
sagen, dass er sich in Folge der wirtschaftlichen Entwicklung der
achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts in jeder Familie einbürgerte.
Die Weihnachtsbescherung
Auf anderem Boden als der Christbaum ist die Sitte der Bescherung
gewachsen. Schon im alten römischen Reich war es Brauch, am
Neujahrstag sich gegenseitig zu beschenken. Schenken zum Jahresbeginn
ist ein Anfangszauber, der für das ganze Jahr Einnahmen gewährleisten
soll. Von den Kamenzer Sorben teilt uns M. Conrad mit: „Am Neujahrstage
werden die Kinder bis zum siebenten und achten Jahr von ihren Paten
mit Semmeln und Pfefferkuchen beschenkt, welche sie „nowe letko“
(neues Jährchen) nennen, und es müssen soviel Semmeln
gekauft werden, als sie Patenkinder haben, welches manchem viel
genug kostet. Allen Bäckern in ist zu dieser Zeit erlaubt,
Semmeln zu verkaufen.“ In der übrigen Lausitz haben die Sorben
noch zu M. Conrads Zeiten dieses „nowe letko“ am Abend vor dem Neujahr
und dem Dreikönigstage selbst gebacken in Gestalt von Kühen,
Schafen, Schweinen, Gänsen und dergleichen. Diese Figuren wurden
teils von den Kindern ihren Paten geschenkt, von denen sie
ein Gegengeschenk erhielten, teils aber dem Vieh zum Fressen gegeben,
damit es gut gedeihe und nicht erkranke. Diese schöne Neujahrssitte
wurde mit der Verbreitung des Christbaums auf Weihnachten verlegt.
Im Laufe der Zeit ist ja jede Verteilung von Gaben auf das Geburtsfest
Christi gelegt worden. Zuletzt fiel auch die Beschenkung der Kinder
durch den heiligen Nikolaus weg. Aus der Beschenkung der Kinder
am Dreikönigstag ist wohl die sorbische Vogelhochzeit
entstanden.
Das ist ein knapper Überblick über unsere Weihnachtsbräuche
mit dem Christbaum im Mittelpunkt.
Heute leuchtet in jeder Familie in Dorf und Stadt der glitzernde
Lichterbaum als Zeichen der Liebe, der Geborgenheit und als
Sinnbild des Lebens der die Herzen der Menschen erleuchtet und erwärmt.
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